02.01.2020

Interview mit Chequita Nahar, Kuratorin der SCHMUCK 2020

Die Niederländerin Chequita Nahar gilt weit über die Grenzen ihres Landes hinaus als ausgezeichnete Kennerin der weltweiten Schmuckszene. Als Kuratorin für SCHMUCK 2020 wählte sie die Teilnehmer für die Sonderausstellung auf der Internationalen Handwerksmesse aus. Die Künstlerin im Gespräch über die Wichtigkeit der Sonderausstellung für die Szene und über die herausragende Rolle der Stadt München.


Frau Nahar, Sie sind als Kuratorin für die SCHMUCK 2020 ausgewählt worden, die Sonderausstellung auf der Internationalen Handwerksmesse in München. Welche Bedeutung hat das für Sie?

Ich bin 1998 durch meine im vergangenen Jahr verstorbenen Mentorin Marjan Unger zum ersten Mal mit der SCHMUCK in Berührung gekommen. Sie hat mir viel über die Schmuckbranche und über Design beigebracht und mir dabei eine breite Perspektive vermittelt, z. B. zur Wichtigkeit der SCHMUCK. Als ich den Anruf aus München erhielt, war ich erst wie betäubt und fühlte mich zutiefst geehrt über diese Gelegenheit!

Schon lange werden bei der SCHMUCK neue Trends im zeitgenössischen Autorenschmuck geboren. Welche Trends beobachten Sie dieses Jahr?

Die Welt um uns herum scheint insbesondere die jungen Menschen zu beeinflussen. Sie sind auf der Suche. Sie touchieren technologische Aspekte, Innovation und kulturelle Vielfalt, aber sie trauen sich nicht, in die Tiefe zu tauchen. Außerdem sind die jungen auf der Suche nach ihrer eigenen Handschrift, was zu sehr individuellen Werken führte. In der Vergangenheit gab das Werk eines Künstlers Aufschluss über seine Herkunft. Das ist immer weniger der Fall. Dem folgend geht es bei den Stücken um Ideen und Gedanken, integriert aus allen Richtungen. Manchmal war das zu viel für ein Stück. Die etablierten Künstler, die längst ihren eigenen Rhythmus und ihren eigenen Stil haben, zeigten sich hingegen in neuer Stärke. Ebenfalls sah ich unter den Einreichungen eine Menge Tiere, was mich nachdenklich stimmte: Was hat es mit diesen Tieren auf sich? Sagen sie etwas über den Moment aus? Viele der Einreichungen legten den Schwerpunkt auf das manuelle Kreieren zurück, also auf Handwerk und Herstellungsprozess. Müsste ich es auf einen Nenner bringen, dann geht es bei der Auswahl in erster Linie um Individualität.

 

Sie kommen ursprünglich aus Surinam, sind jedoch in den Niederlanden zur Kunstdesignerin ausgebildet worden. Besteht eine direkte Verbindung zwischen Ihren Schmuckkreationen und Ihrem Heimatland?

Oh ja! Ich benutze neben Formen und Materialien größtenteils auch Symbole Surinams, die ich in meinen Werken verarbeite. Wir verwenden Dinge für Rituale, beispielsweise Bälle, um unseren Schmuck zu waschen und schützen, da man sagt, dass uns unser Schmuck bei Krankheit, bei Gesundheit und in sonstigen Zeiten helfen wird. Ich identifiziere mich mit dieser Art des kulturellen Symbolismus. Ich übersetze ihn oder diese Rituale in Materialien oder Formen. Wenn ich z. B. ein Material wie Silber mit seiner weißen Farbe verwende, steht das immer in Zusammenhang mit der Interpretation dieser Farbe in Surinam. Zusammen mit meiner Großmutter reflektiere ich das häufig. Wenn ich dann ein neues Stück kreiere, zeige ich es ihr und sie sagt oft: „Ah, ein neues…“ und sagt mir dann das Wort für dieses alte, traditionelle Etwas und ich erkenne plötzlich die Verbindung.

 

Was hat Ihnen dabei geholfen, Ihren eigenen Kreationsstil zu finden?

Als ich vor vielen Jahren im Rahmen meines Masterstudiums Marjan Unger kennenlernte, befand ich mich in einer kompletten Sackgasse. Ich hatte eine kreative Blockade und wollte unbedingt erstklassigen, authentischen Künstlerschmuck machen. Eines Tages kam Marjan zur mir nach Hause und sah all die Bilder von Surinam, alles, was ich von dort hatte und auch den Schmuck. Sie rief mich in mein damaliges Schlafzimmer und sagte: „Das solltest du machen! Das sollte dein Ausgangspunkt sein!“ In den darauffolgenden Monaten kreierte ich ihrem Rat folgend ein Stück, dass für TALENTE 1998 ausgewählt wurde, eine andere Sonderausstellung mit Schwerpunkt auf Nachwuchskünstler, ebenfalls in München. Später nahm ich das Teil mit nach Surinam, wo mein Großvater noch heute lebt. Er hing es an seinem Baum im Hof auf und sagte: „Oh, du hast es wieder nach Hause gebracht.“ Und seit diesem Zeitpunkt bin ich bei meinen Wurzeln geblieben.

 

Robert Baines ist der diesjährige „Klassiker der Moderne” im Rahmen der SCHMUCK und wird auf diese Weise in der Retrospektive als herausragender Schmuckdesigner geehrt. Welche Bedeutung hat er für Sie?

Jedes Mal, wenn ich mit meinen Studenten über technische Schichten spreche, kommen wir auf Robert Baines zu sprechen. Ich bin immer fasziniert von den Geschichten, die Baines erzählt. Mit seinen Worten und mit seinem Werk - und wie er geschichtliche Hintergründe und Interpretationen integriert. Seine Art, Stücke zu kreieren, ist überwältigend. Ich schaue mir ständig seine Werke an und frage mich: Wie schafft er das? Sein handwerkliches Können ist fantastisch; man kann seine Stücke lieben oder hassen, aber man kann sein außergewöhnliches Geschick nicht leugnen! Baines weiß, wo er herkommt, und das ist seinem Werk anzusehen. Genau das versuchte ich in der Auswahl für die SCHMUCK 2020 zu finden: Menschen, deren Werke auf vielen verschiedenen Ebenen kompetent sind. Das ist meiner Meinung nach eine sehr schöne Verbindung zu Robert Baines.

 

München wird weltweit als Zentrum des Autorenschmucks gesehen. Auf was freuen Sie sich ganz besonders, wenn Sie im Rahmen der SCHMUCK 2020 vom 11. bis 15. März 2020 nach München reisen?

Ich freue mich natürlich darauf, die gesamte Auswahl an einem Ort ausgestellt zu sehen. In Hinblick auf die Szene ist München der Ort, an dem alle zusammenkommen: Museen, Sammler, junge Talente, etablierte Künstler. Es ist ein Get-Together der gesamten Szene, zu einem Zeitpunkt, an einem Ort. Und kontinuierlich wächst das Format und wird auch für andere Disziplinen interessanter. Für die Dauer dieser einen Woche bist du am richtigen Ort, wenn du im Autorenschmuck aktiv bist, da so viele Dinge stattfinden: Gespräche, Vorträge, Vorlesungen, die Vorstellung neuer Werke, manche neue Talente werden sprichwörtlich hier geboren. Und natürlich freue ich mich darauf, all diese besonderen Talente kennenzulernen!

 

Vom 11. bis zum 15. März 2020 wird die Schmuckszene im Rahmen ihres jährlichen Treffens bei der Sonderausstellung SCHMUCK wieder in München zusammenkommen. Aus den 802 eingereichten Bewerbungen von Künstlern aus 61 Ländern wurden schließlich 63 Künstler aus 29 Ländern ausgewählt. Am stärksten vertreten sind Schmuckkünstler aus Deutschland, gefolgt von Korea und den Niederlanden, Australien und der Tschechischen Republik. Die Sonderausstellung SCHMUCK gilt als wichtige Plattform, um sich in der Branche weiter zu etablieren, Kontakte zu knüpfen und, nicht zuletzt, um an der prestigeträchtigen Herbert-Hofmann-Preisverleihung teilzunehmen.

 

 


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  • Chequita Nahar als Kuratorin der SCHMUCK 2020. Fotocredit: Nahar
  • Die Niederländerin im Gespräch über die SCHMUCK 2020 in München. Fotocredit: Nahar
  • Mit dieser Einreichung gewann Nahar den Herbert-Hofmann-Preis im Rahmen der SCHMUCK im Jahr 2000. Fotocredit: HWK München und Oberbayern
  • Den TALENTE-Preis gewann Nahar im Jahr 1998 mit dieser Einreichung Halsschmuck, Flachs, Eierschale, Gummi, L 48 cm. Fotocredit: HWK München und Oberbayern
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