Herzlich Willkommen Sam Tho Duong, Schmuckkünstler in Pforzheim und Kurator der kommenden SCHMUCKmünchen auf der «Handwerk & Design» 2026 – vielen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen für das Interview!
Sam Tho Duong: Vielen Dank auch von meiner Seite.
Sie arbeiten seit vielen Jahren als freier Schmuckkünstler in Pforzheim, wie sind Sie denn zum Schmuck gekommen?
Ende 1981 bin ich als 12-Jähriger mit meiner Familie aus politischen Gründen von Vietnam nach Deutschland gekommen. Ich hatte mich zuerst nur aufs Deutschlernen konzentriert, also diese ganz fremde Sprache neu zu lernen. Aber mit den Jahren habe ich gemerkt, dass Pforzheim eine „Goldstadt“ ist und das man hier viel Handwerk lernen kann. Und so habe ich Schmuck Schritt für Schritt kennengelernt und lieben gelernt.
Das Leben in Deutschland ist für Ihre Familie anfangs vermutlich nicht so einfach gewesen. Und drumherum kümmern sich alle um Schmuck. War das auch ein bisschen absurd für Sie damals?
Tatsächlich habe ich mir irgendwann selbst die Frage gestellt, ob das überhaupt ein richtiger Beruf für mich ist. Weil Schmuck ein Luxusprodukt ist, er ist nicht unbedingt nötig. Auf der anderen Seite habe ich gedacht, warum nicht? Ich bin vor Ort, in der Nähe meiner Familie – und das ist für mich das Wichtigste überhaupt.
Und Sie haben noch einen weiteren Schritt gemacht: Sie haben sich von einer Festanstellung bei einer renommierten Schmuckfirma in die Selbständigkeit als freier Schmuckkünstler gewagt.
Natürlich ist es ein Risiko, aber ich habe nicht wirklich Angst davor gehabt, weil ich bewusst diesen Weg gehen wollte. Nach dem Hauptschulabschluss habe ich noch meine Mittlere Reife gemacht und anschließend war ich an der Goldschmiedeschule Pforzheim, eine der bekanntesten Schulen der Welt. Dort habe ich drei Jahre in Richtung Design studiert, und anschließend sechs Jahre bei einer Firma gearbeitet. Danach habe ich noch an der Hochschule für Gestaltung studiert, damals hieß es noch Fachhochschule.
Wir sitzen hier in Ihrem Atelier in Pforzheim in einer ehemaligen Schmuckfabrik: Eichenparkett, hohe Decken, viel Licht. Können Sie etwas über Ihre eigenen Arbeiten erzählen? Welche Materialien benutzen Sie, was ist Ihnen wichtig?
Das Schöne in dem Bereich zeitgenössischer Autorenschmuck: Es ist alles möglich. Es gibt keine Beschränkung in den Materialien. Daher habe ich von Silber bis Gold bis Papier bis Kunststoff alles, was mich interessiert hat, gesammelt und versucht, das in Schmuck umzusetzen. Natürlich ist Schmuck immer ein Statement, aber ich bin kein Schmuckmacher, der unbedingt mit Politik zu verbinden ist, das möchte ich einfach nicht. Ich möchte, dass mein Schmuck dem Träger oder der Trägerin einfach Freude beschert.
Das heißt, Schönheit spielt eine große Rolle?!
Klar, Schmuck heißt ja auch Schmücken und Schmücken sollte etwas Schönes sein.
Viele, die Ihren Namen hören, denken sofort an Ihre Arbeiten mit kleinen, länglichen Perlen mit einem schwarzen Punkt obendrauf. Wie ist es zu diesen Arbeiten gekommen?
Ich habe von Kirschkernen über Ingwer und Toilettenpapier alles durchgearbeitet. Und eines Tages bin ich bei Sonnenschein im Winter durch die Wälder gelaufen und habe diese Eiskristalle auf Gräsern oder auf Ästen faszinierend schön gefunden. Und dieses Naturphänomen wollte ich in Schmuck umsetzen. Also bin ich auf die Suche nach passendem Material dafür gegangen und bin auf diese ganz feinen Saatperlen gestoßen. Die Serie wurde sehr gut angenommen, sogar weltweit und bis heute arbeite ich parallel zu anderen Arbeiten weiter an dieser „Frozen“-Kollektion.
Es sind sehr natürliche Formen, asymmetrisch oft, also Sie arbeiten mit Naturformen und mit etwas, das eigentlich der Vergänglichkeit ausgesetzt ist. Aber durch ihren Schmuck wird es dauerhaft.
Ich bin mehr der Typ für organische Formen, weil sie mir mehr Möglichkeiten bieten, in einer Kollektion verschiedene Formen oder Varianten durchzuspielen als geometrische Formen. Deswegen sehen Sie eine ganze Reihe unterschiedlicher, und es sind immer Einzelteile hergestellt.
Was ist denn dieser schwarze Punkt obendrauf? Ist das Farbe oder ein anderes Material?
Steine werden immer gern mit Metallstiften befestigt. Aber diese Perlen sind im Vergleich zu Edelsteinen sehr empfindlich, deshalb nehme ich Angelschnur aus Nylon und die verarbeite sie mit Hitze, das heißt unter Hitze bilden sich so Kügelchen, die halten die Einzelperlen auf der Oberfläche.
Sie arbeiten außerdem noch mit vielen anderen Materialien. Was ist denn Ihre neueste Arbeit?
Im Moment arbeite ich wieder an meiner Kollektion mit Abfallprodukten aus der gelben Tonne. Da ist zum Beispiel meine „Lemitca-Kollektion“ mit Halsschmuck und Broschen aus Joghurt-Flaschen.
Das heißt, Sie zerschneiden benutzte Joghurt-Flaschen so kunstvoll, dass sie zu Blumen werden…
Mir hat die Flaschenform von Actimel so gut gefallen, dass ich bewusst die Flasche genommen habe, aber auf den ersten Blick erkennt man das gar nicht. Bei manchen Mustern gibt es Durchbrüche, die fallen natürlich weg, aber ansonsten benutze ich immer die ganze Flasche. Ich habe sehr lang gebraucht, bis ich auf diese Stecktechnik gestoßen bin. In dieser Kette hier sind 30 Flaschen und an jeder Flasche kann man sie auf und zu machen.
Sie haben gesagt, Sie wollen eigentlich gar nicht so politisch gelesen werden. Aber es ist eine Arbeit mit Verpackungsmaterial, da steckt also schon eine gewisse Haltung gegenüber der Umwelt und dem Umgang mit Materialien drin, oder?
Es geht mir darum, dass man im Abfall noch so viele schöne Materialien findet, die man auch in Schmuck umsetzen kann. Also ich bin jetzt nicht als Aktivist für Umwelt unterwegs, aber wenn man so ein bisschen dafür sensibilisieren kann, welche Möglichkeiten das Abfallmaterial bietet, ist es schon mal ein Anfang.
In diesem Jahr sind Sie als Kurator für die SCHMUCK münchen 2026 ausgewählt worden. Wann haben Sie die SCHMUCK kennengelernt und welche Rolle spielt sie für Sie?
Ich habe diese Ausstellung schon am Anfang des Studiums kennengelernt und seitdem bin ich fast jedes Jahr vor Ort und habe dort natürlich auch sehr viele Künstler kennengelernt und ihre Arbeit verfolgt. Und ich habe auch das Glück, dass ich ein paarmal für die Ausstellung ausgewählt wurde. Es ist eine sehr, sehr gute Plattform für Anfänger. Wenn man in der Ausstellung dabei ist, ist es schon eine enorme Leistung und auch eine große Ehre, man wird wahrgenommen, international, nicht nur national, und das ist ein sehr gutes Sprungbrett.
Sie haben gerade zwei Tage intensive Jurysitzung hinter sich. Es gab mehr als 1000 Bewerbungen – ein Rekord – und Sie mussten auswählen… Wie kamen Sie mit dieser Masse an Einreichungen zurecht?
Natürlich bin ich ein bisschen mit Herzklopfen nach München gereist, weil wenn man das ausrechnet, dann sind es ja nicht mehr als sechs oder sieben Prozent, die ich aussuchen darf. Und es fällt natürlich sehr schwer, gute Arbeiten auszuwählen, nur anhand von Fotos. Aber Eva Sarnowski und Barbara Schmidt von der Handwerkskammer für München und Oberbayern waren so ein gutes Team! Sie haben mich sehr herzlich aufgenommen, und ich habe mich sofort wohlgefühlt.
Hatten Sie denn Kriterien für sich entwickelt, wie man überhaupt entscheidet?
Meine Strategie oder meine Vorstellung war, ich möchte neue Leute in die Ausstellung reinbringen, aber nicht unbedingt, sondern anhand von ihren Fähigkeiten und von ihren Schmuckstücken. Also ich bin neutral reingegangen, ohne zu wissen, von wem was ist, sondern einfach anhand der Formensprache und der Qualität.
Wie hoch war denn die Qualität der Einreichungen? Hätten Sie am liebsten alle in die Ausstellung aufgenommen oder haben sich die Favoriten schnell herauskristallisiert?
Die Qualität war enorm hoch. Und bei manchen Arbeiten habe ich wirklich Schmerzen, dass ich sie aussortieren musste. Aber man hat ja nur soundso viele Plätze, das muss man halt berücksichtigen.
Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen in diesem Jahr, gibt es bestimmte Tendenzen, Haltungen oder Materialien, die besonders häufig aufgetaucht sind?
Es war eine Bandbreite ganz unterschiedlicher Arbeiten. Es waren auch einige politische Schmuckstücke dabei, aber ich schaue immer erst einmal auf die Form und die Qualität. Und wenn das von der Aura und Ausstrahlung, von der Bedeutung her passt, dann habe ich die auch gern reingenommen. Ansonsten waren es sehr unterschiedliche Arbeiten von Spitzentechniken bis zu ganz freien Arbeiten, oder traditionelle alte Techniken wurden neu interpretiert. Also es war wirklich sehr spannend und natürlich dementsprechend auch schwer zu entscheiden. Es gab auch sehr viele Arbeiten aus Abfallprodukten. Da werden teilweise Goldschmiedetechniken mit Kunststoff kombiniert. Auffällig war, dass es sehr viele Bewerbungen aus Asien gab, aber auch aus Amerika. Das sollte sich in der Ausstellung natürlich widerspiegeln. Aber auch die saubere Ausführung einer Arbeit ist mir sehr wichtig.
Also die Qualität des Machens ist Ihnen im Schmuck weiterhin wichtig.
Definitiv. Also die Qualität muss man schon mit anbieten. Es bringt nichts, wenn zum Beispiel für das Auge ein Essen präsentiert wird, aber das Essen nicht schmeckt, das macht für mich keinen Sinn.
Lieber Sam Tho Duong: Vielen herzlichen Dank für das schöne Interview!
Ich habe auch zu danken.
[Das Interview führte Julie Metzdorf.]